F05Von Unpersonen und menschlichen Mängelexemplaren
Zur Versprachlichung von Kindheit und Behinderung
Das Projekt F05 knüpft an Fragestellungen aus dem Vorgängerprojekt „Sprachliche Humandifferenzierung“ an und untersucht, wie Menschen durch Sprache asymmetrisiert werden – bis hin zur Verschiebung an die humanen Außengrenzen. Dabei liegt der Schwerpunkt auf den Differenzierungsachsen behindert/nicht behindert und kindlich/erwachsen:
Welche Konzepte von Kindheit werden aktiviert, wenn Phrasen wie ein Stall voller Kinder oder Bezeichnungen wie Bälger und Blagen verwendet werden? Was sagt es aus, wenn Haustiere immer häufiger die gleichen Namen wie Kinder bekommen? Welche Perspektiven auf Behinderung eröffnen wiederum Wortbildungen wie Dynamokrüppel und schwerbeschädigt? Und wie spielen Kindlichkeit und Behinderung im Namen Aktion Sorgenkind zusammen?
Untersucht wird diachron (19.–21. Jahrhundert), auf welchen sprachlichen Ebenen diese Differenzierungen wirksam werden und wie tief sie im Sprachsystem verankert sind: in Diskursen (z. B. zur Pränataldiagnostik), in alltäglichen Sprachgebrauchsmustern (mit Frau, Kind und Hund), in okkasionellen Wortbildungen (Rotznasen, Edelversehrte) sowie in fest lexikalisierten Prägungen (Krüppel, Idiot, Kindskopf) und in der Namengebung. Besonders interessieren die sprachlichen Kategorisierungen an den Humanaußenrändern und der Einsatz animalisierender Muster und Metaphern (Laufstall, wilde Kinder). Je nach historischem und situativem Kontext werden unterschiedliche Kriterien relevant gesetzt, etwa kognitive Fähigkeiten, Sprachvermögen, Rationalität, Mündigkeit, damit verbundener Personenstatus, (juristische) Agentivität, Geschlechtszugehörigkeit, Zivilisiertheit, Affektbeherrschung oder normative Körperbilder.
Kindheit und Behinderung interferieren in ihrer sozialen Konstruktion vielfach: Menschen mit Behinderungen werden häufig infantilisiert, etwa lexikalisch in der Aktion Sorgenkind oder kommunikativ durch das Duzen in Pflegeeinrichtungen. Gleichzeitig werden Behinderungsgrade nicht selten über Altersstufen von Kindern beschrieben („kognitiv wie eine Siebenjährige“).
Methodisch kombiniert das Projekt quantitative und qualitative, korpuslinguistische sowie lexikographische Analyseverfahren.
