D01Kognitive Humandifferenzierung II

Der Einfluss individueller Annahmen auf das Auf- und Abtauchen kognitiver Unterscheidungen

Wenn nicht allein die Situation entscheidet…

Das Teilprojekt (TP) setzt das TP B01 zum situativen Aufforderungscharakter für das spontane Auf- und Abtauchen kognitiver Humandifferenzierungen (z. B. nach Alter, Geschlecht, Leistung) fort, indem es das Individuum in den Fokus rückt. Menschen begegnen derselben sozialen Konstellation mit unterschiedlichen impliziten Theorien darüber wie Unterschiede zu verstehen sind. Diese können wie kognitive Linsen die Aufmerksamkeit lenken, Erinnerungen verzerren und die Wahrnehmung so formen, dass sie mit ihren bestehenden Annahmen übereinstimmt – im Sinne eines Bestätigungsfehlers (Confirmation Bias; Oeberst & Imhoff, 2023).

Annahmen über die Relevanz sozialer Kategorien

Eine zentrale Rolle spielen Annahmen darüber, wie relevant bestimmte Unterscheidungen sind oder ob sie keine Rolle spielen sollten. Das TP untersucht, ob solche Irrelevanz Claims mit einer geringeren spontanen Unterscheidung einhergehen oder ob kognitive Schemata weitgehend unabhängig von expliziten Relevanzzuschreibungen operieren. Wenn Personen die Annahme vertreten, dass Geschlecht für die Verteilung von Gehältern keine Rolle spielen sollte, sind sie dann auch weniger geneigt, geschlechtsbezogene Unterschiede in präsentierten Gehaltsstrukturen wahrzunehmen und zu reproduzieren? Oder werden solche Unterschiede möglicherweise „blind“ übernommen und fortgeschrieben, ohne dass sich die Personen der Unterscheidung bewusst sind? "Gender Blindness“ könnte so paradoxerweise zur Stabilisierung bestehender Ungleichheiten beitragen.

Annahmen über die Essenzialisierung sozialer Kategorien

Eine weitere Annahme betrifft die Frage, wie essenzialisiert soziale Kategorien angenommen werden. Psychologischer Essentialismus beschreibt die Überzeugung, kategoriale Unterschiede seien Ausdruck einer inhärenten, schwer veränderbaren Essenz, die Mitglieder einer Kategorie „gleich macht“. Das Projekt untersucht, ob essenzialistische Annahmen die kognitive Differenzierung erleichtern, indem sie diskrete Gruppenwahrnehmung begünstigen, überlappende Ähnlichkeiten ausblenden und stereotype Erwartungen verstärken. Sind Personen mit gering ausgeprägten essenzialistischen Annahmen eher geneigt, andere spontan entlang selbstgewählter Identitätsmerkmale zu differenzieren statt anhand phänotypischer Merkmale wie Hautfarbe, Gesichts- oder Körperform – etwa wenn eine „türkisch aussehende" Person ein Deutschland-Trikot trägt oder eine phänotypisch männlich gelesene Person die Pronomen she/her verwendet?

Annahmen über die Wertigkeit sozialer Kategorien

Schließlich rückt das Projekt Annahmen in den Blick, die Kategorien nicht nur als unterschiedlich, sondern als ungleichwertig begreifen. Solche Hierarchieannahmen sind eng mit Vorurteilen und Diskriminierung verbunden, könnten jedoch bereits auf einer vorgelagerten Wahrnehmungsebene wirken. Das Teilprojekt untersucht daher, ob evaluative Asymmetrie die Salienz einer Differenzierungsdimension oder einzelner Kategorien mit unterschiedlicher unterstellter Wertigkeit erhöht. Erhöht die normative Herabsetzung bestimmter sozialer Kategorien – etwa „Ausländer“ im Kontext rechtspopulistischer Ideologien, gesellschaftlich stigmatisierte Gruppen wie Sexualstraftäter oder historisch marginalisierte Gruppen wie niedrige Varnas im indischen Kastensystem – die Salienz eben dieser negativ konnotierten Kategorien?