F04Sprachpolitische Neusortierung und Differenznegation im postgenozidalen Ruanda

Das Projekt untersucht die sprachpolitische (Neu-)Kategorisierung von Sprecher:innen im post-genozidalen Ruanda.

Die Bagogwe und ihre sprachlich-kulturellen Praktiken im Nordwesten Ruandas. Foto: Nico Nassenstein/Deborah Wockelmann
Die Bagogwe und ihre sprachlich-kulturellen Praktiken im Nordwesten Ruandas. Foto: Nico Nassenstein/Deborah Wockelmann

Sprachpolitische Umgestaltungen in Ruanda

Das Teilprojekt untersucht die zentralen sprachpolitischen Umgestaltungen, mit denen der ruandische Staat nach dem Genozid 1994 den Aufbau einer neuen nationalen Identität vorantreibt. Im Mittelpunkt steht die Analyse, wie Sprache gezielt als Instrument politischer Neuausrichtung und gesellschaftlicher Homogenisierung eingesetzt wird. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Konsequenzen dieser sprachpolitischen Neusortierung für die nach Ruanda zurückgekehrten Migrant:innen.

 

Indexikalität und Sprache als Identitätsmarker

Seit dem ethnisierten Konflikt, der 1994 im Völkermord mündete, ist Sprache in Ruanda zu einem zentralen Symbol von Zugehörigkeit und gesellschaftlichem Wandel geworden. Die Abschaffung des Französischen als „Sprache des Genozidregimes“, die Einführung des Englischen sowie die Vereinheitlichung des Kinyarwanda dienten der strategischen Neudefinition einer gemeinsamen nationalen Identität. Diese sprachpolitischen Maßnahmen verdecken jedoch fortbestehende soziale und historische Differenzen, sodass Sprache bis heute zugleich Instrument politischer Integration und Marker subtiler Ungleichheiten bleibt.

 

Sprachpolitische Ideale und gelebte Realität 

Fernab der staatlich gesteuerten sprachpolitischen Logik stellt sich die Frage, wie diese die soziale Realität in Ruanda prägt und wie gegenwärtige Sprachpraktiken soziale Identitäten verweisen, bestätigen, infrage stellen oder neu aushandeln. Das Teilprojekt untersucht, wie Sprecher:innen alte und neue Kategorien – etwa Migrant:innen, Alteingesessene, Täter oder Opfer – wahrnehmen, sich zu ihnen positionieren und welche Rolle sprachliche Dimensionen in diesen Aushandlungsprozessen spielen.

 

Konfliktverlagerung von Ruanda in den Ostkongo

Nach 1994 verlagerte sich der Konflikt vor allem durch Ströme von Geflüchteten und neu entstehende bewaffnete Gruppen in den Ostkongo, kulminierend im Sturz des Mobutu-Regimes und dem Zweiten Kongokrieg. Das Projekt untersucht die bis heute fortbestehenden Konfliktdynamiken im Ostkongo und geht hierbei der Frage nach, wie Nationalität, Ethnizität und Sprache im Grenzgebiet DR Kongo-Ruanda im aktuellen Konflikt zusammenspielen und welche Rolle Humandifferenzierung hierbei zukommt – als komplexe Kontinuität, aber auch Reethnisierung eines Krieges, der in den vergangenen drei Jahren erneut aufgeflammt ist.