D02Reflexive Humandifferenzierung

Reflexive Humandifferenzierung: Selbst-Problematisierungen von Geschlecht und Sexualität

Das Teilprojekt untersucht, wie Individuen ihre Zugehörigkeit zu geschlechts- und sexualitätsbezogenen Kategorien problematisieren, verändern oder neu definieren. Im Mittelpunkt stehen Prozesse der „Selbst-Formierung“, in denen Menschen ihre Zugehörigkeit zu Kategorien hinterfragen – sei es durch die Infragestellung binärer Geschlechterordnungen, das Hinterfragen sexueller Orientierungen oder die Auseinandersetzung mit körperlichen und sozialen Einschränkungen von geschlechtlichem oder sexuellem Ausdruck. Empirisch werden drei Konstellationen vergleichend analysiert: Sexualberatung und -therapie als individuelle Reflexionsräume, Peer-Gruppen als kollektive Aushandlungskontexte sowie digitale Diskurse als transsituative Räume der Selbstverortung. Methodisch kombiniert das Projekt Ethnografie, biografisch-narrative Interviews und digitale Diskursanalyse, um die Dynamiken reflexiver Humandifferenzierung zu erfassen.

Selbst-Formierung zwischen Individualität und Kollektivität

Das Projekt leistet einen Beitrag zur Erforschung von Subjektivierungsprozessen, indem es die Wechselwirkung zwischen individueller Selbstproblematisierung, sozialer Vergemeinschaftung und kollektiven Deutungsmustern analysiert. Durch den Vergleich von therapeutischen, peer-basierten und digitalen Settings wird sichtbar, wie soziale Kontexte die Herausbildung von Selbstverständnissen prägen – etwa durch professionelle Diskurse in der Beratung, geteilte Erfahrungen in Peer-Gruppen oder die dynamische Aushandlung von Kategorien in Online-Communities. Besonders relevant ist die Frage, wie gesellschaftliche Normen und kulturelle Deutungsangebote in biografische Selbstkonzepte übersetzt werden und welche Spielräume für die (Re-)Konstruktion von Identitäten entstehen.

Gesellschaftliche Relevanz: Selbstbestimmung und soziale Anerkennung

Die zunehmende Pluralisierung von Geschlechts- und Sexualitätskategorien stellt Individuen vor die Herausforderung, ihre Zugehörigkeiten aktiv zu verhandeln. Gleichzeitig bleiben Geschlecht und Sexualität gesellschaftlich umkämpfte Felder – zwischen rechtlicher Anerkennung, konservativen Gegenbewegungen und der Forderung nach inklusiven Räumen. Das Projekt untersucht, wie Menschen in diesen Spannungsfeldern ihre Selbstverständnisse formen und welche Rolle soziale Unterstützung, institutionelle Diskurse und digitale Vergemeinschaftung dabei spielen. Die Ergebnisse bieten nicht nur wissenschaftliche Einsichten in die Dynamik reflexiver Humandifferenzierung, sondern liefern auch praxisrelevante Impulse für Bildungs-, Beratungs- und Therapiekontexte, um eine inklusive und verantwortungsvolle Begleitung von Selbstproblematisierungsprozessen zu fördern.