E06Status und Mobilität in der Hilfe
Humandifferenzierung in brasilianischen Sozialprogrammen zur Armutsbekämpfung
Das Fortsetzungsprojekt „Status und Mobilität in der Hilfe. Humandifferenzierung in brasilianischen Sozialprogrammen zur Armutsbekämpfung“ untersucht jene Formen der Humandifferenzierung, die in staatlich organisierten Unterstützungsleistungen eingelagert sind und verfolgt ein doppeltes Erkenntnisinteresse: Zum einen untersuchen wir die statusbezogenen Effekte sozialstaatlicher Unterstützung und fragen, inwieweit die Teilnahme an Hilfsprogrammen mit der Antizipation oder der Erfahrung von Statuspassagen verbunden ist. Zum anderen gehen wir von der Hypothese aus, dass mit diesen Prozessen der Humandifferenzierung nicht nur soziale, sondern auch räumliche Mobilität verbunden ist.
Als Fortsetzung des Teilprojekts „Mit Sorge unterscheiden“ übertragen wir einen zuvor in der Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen und aktivistischen Initiativen entwickelten Forschungsansatz auf bürokratisch administrierte sozialstaatliche Programme. Zugleich erweitern wir diesen Ansatz, indem wir die Interferenzen zwischen formalen Klassifikationsregimen – etwa rechtlich kodifizierten Bedürftigkeitskategorien – und informellen, situativ hervorgebrachten Formen der (Selbst-) und Fremdklassifikation herausarbeiten. Sozialprogramme verstehen wir somit als institutionelle Kontaktzonen, in denen unterschiedliche Wissensordnungen, normative Erwartungen und moralische Zuschreibungen aufeinandertreffen.
Unsere ethnographische Forschung konzentriert sich auf zwei Städte in brasilianischen Grenzregionen, Belém und Porto Alegre, in denen innerstädtische, regionale und internationale Mobilität in besonderer Weise mit sozialpolitischen Maßnahmen verschränkt ist. In diesen Kontexten analysieren wir, wie hilfebezogene Unterscheidungen im Spannungsfeld von Migration, Grenzregimen und sozioökonomischer Ungleichheit entstehen.
Wie arbeiten wir?
Um sowohl institutionelle Verfestigungen als auch situative Verschiebungen von Humandifferenzierung zu erfassen, konzentrieren wir uns auf mehrere miteinander verschränkte Analyseebenen: Erstens rekonstruieren wir die zeithistorische Herausbildung armuts- und bedürftigkeitsbezogener Kategorien im Kontext brasilianischer Sozialpolitiken und ihrer administrativen Übersetzungen. Zweitens analysieren wir die (Selbst-)Positionierungen von Mitarbeitenden innerhalb bürokratischer Strukturen, etwa im Zusammenspiel von professionellen Ethiken, politischen Konjunkturen, moralischen Erwartungshorizonten und affektiv aufgeladenen sozialen Interaktionen. Drittens untersuchen wir die Fremd- und Selbstklassifikationen von Leistungsempfangenden in konkreten Begegnungen mit der Bürokratie. Dabei werden Unterstützungsansprüche nicht nur entlang von Einkommen, Staatsbürgerschaft, Rassialisierung, Familienkonstellation, Gender oder Dimensionen von Im/Mobilität verhandelt, sondern auch über performativ-affektive Marker wie Kooperationsbereitschaft, bürgerschaftlichem Verhalten, oder Dankbarkeit.
