Projektvorstellung
Wer darf auf die Bühne? Wie Schauspieler:innen ausgewählt und ‚geformt‘ werden
Wer entscheidet, wer auf der Bühne stehen darf – lange, bevor sich der Vorhang öffnet?
Hanna Voss ist Theaterwissenschaftlerin und leitet das Forschungsprojekt „Schauspielen als Beruf. Konjunkturen der Humandifferenzierung“ in der zweiten Förderphase des Sonderforschungsbereichs. Gemeinsam mit Friedemann Kreuder, Stefanie Hampel und Annika Will geht sie dieser Frage für das 20. Jahrhundert nach und untersucht Aufnahmeprüfungen, Ausbildungswege und die Vermittlung von Schauspielenden an Theater – also die Prozesse, die darüber entscheiden, wer Schauspieler:in wird. Geht es dabei nur um Leistung – oder auch um andere Kriterien wie Geschlecht, Alter, Aussehen und soziale Herkunft? Im Interview spricht Hanna über überraschende Kontinuitäten und warum es wichtig ist, im Theater auch hinter die Kulissen zu blicken.
Dieses Interview ist Teil einer Reihe von Gesprächen mit Mitarbeiter:innen und Leiter:innen unserer Teilprojekte. Die Reihe gibt Einblicke in laufende Forschungen, zentrale Fragestellungen und persönliche Perspektiven aus dem Sonderforschungsbereich. Weitere Informationen zu den einzelnen Projekten, den Teams sowie zu Publikationen erhaltet ihr über die unten verlinkte Projektseite.
Die Interviews erscheinen hier in gekürzter und redaktionell überarbeiteter Fassung.
Hanna, euer Projekt untersucht Schauspielen als Beruf. Was genau steht im Mittelpunkt eurer Forschung?
Wir beschäftigen uns mit der Geschichte des Schauspielberufs im 20. Jahrhundert in Deutschland.Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Schauspieler:innen ausgewählt werden und wie Menschen zu Schauspieler:innen „geformt“ werden. Unser Schwerpunkt liegt daher auf der Schauspielausbildung und der Vermittlung an die Theaterhäuser. Konkret interessiert uns: Wie werden Bewerber:innen und Schauspieler:innen in künstlerischen Auswahlprozessen kategorisiert und (aus)sortiert? Wer z. B. wird überhaupt in eine Schauspielschule aufgenommen und wer anschließend an welches Theater vermittelt? Wie wird auch innerhalb dieser Einrichtungen sortiert? Und inwiefern verändern sich die Menschen durch die institutionellen Anforderungen und Erwartungen?
Mit Blick auf Humandifferenzierung interessieren wir uns dabei vor allem für Leistung und die Frage, wie Leistung bzw. Leistungsfähigkeit mit anderen Humandifferenzierungen zusammenspielt. Welche Rolle spielen zum Beispiel Geschlecht, Alter, Körpergröße, Stimme, aber auch soziale Klasse? Dieses Zusammenspiel von Leistung und anderen Differenzierungen ist der Fokus unseres Projekts.
Habt ihr aus euren Vorarbeiten schon erste Erkenntnisse oder Hypothesen?
Aus unseren Vorarbeiten oder auch aus der Beobachtung der Gegenwart sind natürlich bestimmte Dinge bekannt, also dass zum Beispiel die Geschlechterdifferenzierung im Falle von Schauspieler:innen eine große Rolle spielt und auch immer gespielt hat. Das kann man bis in die 1920er Jahre zurückverfolgen – hier setzen wir mit dem Projekt an –, aber auch sehr viel weiter zurück. Auch das Aussehen spielt immer eine gewisse Rolle. Neben solchen Gemeinsamkeiten interessieren wir uns jedoch auch sehr für Unterschiede.
Unser Fokus liegt auf der Weimarer Republik und NS-Zeit, der BRD und der DDR. Gemeinsam wollen wir untersuchen, wie sich die Strukturen und Prozesse der Personalauswahl und -formung historisch unterscheiden. Hierzu haben wir bereits erste Annahmen, dass z. B. im Nationalsozialismus bestimmte ethnische, rassifizierende Merkmale eine Rolle spielen, während in den 1970er Jahren in der BRD soziale Klasse ein wichtiges Thema ist. Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass bestimmte Differenzierungen in bestimmten Zeiträumen relevanter sind als in anderen, und dass sich das zum Beispiel in Prüfungsordnungen, Ausbildungsprogrammen und Vermittlungsbögen widerspiegelt. Bei einem Vermittlungsbogen handelt es sich um ein Dokument, in dem die wichtigsten Informationen zu einer Person festgehalten werden, z. B. wie sie aussieht, wo sie ausgebildet wurde und welche Rollen sie potenziell spielen kann.
Gab es bei den Vorbereitungen für deine Forschung etwas, das dir besonders aufgefallen ist?
Was mich am meisten überrascht hat, sind wirklich diese teils starken Kontinuitäten trotz der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche. Wir finden Einrichtungen aus der Zeit des Nationalsozialismus, die bereits in der Weimarer Republik existiert haben, in ähnlicher Form sowohl in der BRD als auch in der DDR wieder! Die Frage ist dann: Inwiefern betrifft das nur die äußere Form oder auch den inneren Kern im Sinne von Praktiken, Formularen, Menschenbildern etc.?
Eine weitere Erkenntnis war, dass die Theaterwissenschaft, also unser Fach, an diesen Dingen beteiligt ist. Bei uns gibt es traditionell eine große Nähe zur Theaterpraxis, und zwar seit den Anfängen unserer Disziplin in den 1920er Jahren. Damals gab es auch direkte Verbindungen zwischen der Schauspielausbildung und der Ausbildung für Theaterwissenschaft. Im Nationalsozialismus haben Theaterwissenschaftler:innen dann eine unrühmliche Rolle gespielt, weil sie das NS-System und dessen Ideologie teils aktiv unterstützt haben. Und auch nach 1945 gibt es immer wieder Punkte, an denen das Praxisfeld, das wir uns anschauen, sich mit jenem der Theaterwissenschaft trifft. Deshalb machen wir dazu eine eigene Teilstudie, um uns genau dieses Wechselverhältnis anzuschauen und einen neuen Blick auf die eigene Fachgeschichte zu werfen.
Warum ist es wichtig, dass zu diesem Thema geforscht wird?
Mit Blick auf unser Fach müssen wir hier Grundlagenforschung betreiben, zu dem Bereich der Künstlervermittlung z. B. wurde bisher nicht gearbeitet. Es gibt seit den 1920er Jahren spezielle, zentral organisierte Einrichtungen, die als Scharnier zwischen den Ausbildungsstellen und Theaterhäusern fungieren und die seit Anfang der 1930er Jahre unter Aufsicht oder in der Hand des Staates waren. Dazu wurde eigentlich noch gar nicht geforscht. Da gilt es erst einmal zu fragen: Warum und wann kamen diese Strukturen auf, wie liefen die konkreten Praktiken ab, was für Materialien wurden genutzt etc.?
Es gab in den letzten Jahren zwar einen Wandel, doch der Fokus liegt in der Theaterwissenschaft traditionell stark auf ästhetischen Fragen, also auf der Aufführung und der Inszenierung. Ich finde es aber auch wichtig, auf die Produktionsbedingungen, also hinter die sprichwörtlichen Kulissen zu schauen und zu fragen, inwiefern diese Infrastrukturen das künstlerische Produkt prägen.
Worauf freust du dich in den nächsten Jahren am meisten?
Einmal die Zusammenarbeit in dem Forschungsverbund, weil ich es sehr spannend finde, einen Blick in die anderen Fächer zu werfen, zu sehen, was da gemacht wird und auch Anregungen zu bekommen. Wissenschaft wird ja oft alleine am Schreibtisch betrieben und ich finde, so ein Forschungsverbund ist ein guter Rahmen, um zusammenzuarbeiten und sich auszutauschen.
Mit Blick auf die konkrete Projektarbeit freue ich mich zudem sehr auf die Archivalien, also die historischen Dokumente in Archiven zu entdecken. Wenn man historisch arbeitet, bekommt man teilweise Dokumente in die Hand, Originaldokumente, die sich noch nie jemand wirklich angeschaut hat. Man kann dabei wirklich etwas Neues entdecken, man muss sich nur auf den Weg machen – vieles ist öffentlich zugänglich. Da freue ich mich drauf, das ist ein bisschen wie Detektivarbeit, wenn man dann tatsächlich etwas findet nach ein paar Stunden!
Und wir wollen auch Oral History betreiben, also Interviews mit Zeitzeug:innen führen und auswerten – vor allem aus den 1970er und 1980er Jahren, weiter zurück wird das schwierig. Und da bin ich sehr gespannt auf die persönlichen Begegnungen und darauf, neue Perspektiven auf unsere Themen zu gewinnen. Darauf freue ich mich.
Interview: Friederike Brinker