Projektvorstellung
Wie verändert künstliche Intelligenz unseren Alltag?
Wie verändert künstliche Intelligenz unseren Alltag?
Sascha Dickel ist einer der Projektleiter des Teilprojekts „Maschinelle Ent/Differenzierung. Künstliche Intelligenz in Hochschulbildung und digitaler Spieleindustrie“. Gemeinsam mit seinen Kollegen untersucht er, wie künstliche Intelligenz in der Hochschulbildung und in der Computerspielindustrie eingesetzt wird, aber auch wie in diesen Bereichen über die KI diskutiert wird. Und: Wie verändert KI das Verhältnis von Mensch und Maschine?
Dieses Interview ist Teil einer Reihe von Gesprächen mit Mitarbeiter:innen und Leiter:innen unserer Teilprojekte. Die Reihe gibt Einblicke in laufende Forschungen, zentrale Fragestellungen und persönliche Perspektiven aus dem Sonderforschungsbereich. Weitere Informationen zu den einzelnen Projekten, den Teams sowie zu Publikationen erhaltet ihr über die unten verlinkte Projektseite.
Die Interviews erscheinen hier in gekürzter und redaktionell überarbeiteter Fassung.
Sascha, du forschst zu künstlicher Intelligenz. Was heißt das genau?
Ich beschäftige mich damit, wie künstliche Intelligenz (KI) im Alltag verwendet und gedeutet wird. Wie handeln wir mit KI und wie sprechen wir über KI? Was ist eigentlich KI für die Gesellschaft?
Dazu untersuche ich mit meinen Kollegen Herbert Kalthoff, Marcel Thiel-Woznica und Fabian Kölsch verschiedene Beispiele. Mit Fabian Kölsch erforsche ich, wie künstliche Intelligenz in der Hochschulbildung genutzt wird. Also, wie wird KI von Studierenden und von Dozierenden verwendet, welche Rolle spielt es in diesem Kontext und wie wird es hier verhandelt und reguliert? Das ist ein Bereich, der uns als Hochschulmitarbeitenden sehr nah ist, aber gerade deswegen so interessant, weil wir die Gelegenheit haben, in diesem Projekt unseren eigenen Alltag mit dieser Technologie zu beobachten und dadurch neue Einsichten zu gewinnen. In Zusammenhang der Hochschullehre wird KI problematisiert und erscheint in gewisser Weise als Eindringling. Wir untersuchen, wie Studierende und Dozierende mit dem von vielen als sehr plötzlich wahrgenommenen Erscheinen von KI umgehen.
Ein zweiter Bereich, in dem die KI wesentlich weniger fremd wirkt, ist die Computerspielindustrie. Hier beobachten wir, Marcel Thiel-Woznica und ich, wie KI bei der Entwicklung von Computerspielen verwendet wird und zwar in allen Dimensionen, von den Programmiertätigkeiten bis hin zu der Gestaltung von Narrativen. Und auch hier beobachten wir auf der einen Seite, wie Leute damit umgehen, also was sie mit KI tun, und wir beobachten, wie das in diesem Feld oder Kontext bewertet und verhandelt wird.
Was uns in dem Projekt besonders interessiert, ist die Frage, wie sich das Verhältnis von Menschen und Maschinen durch KI verändert und inwiefern diese Technologie die Art, wie wir Leistung zurechnen und bewerten, transformiert. Also wer hat einen Text verfasst oder eine Codezeile geschrieben? Ist das ein Mensch? Ist es eine Maschine? Ist es ein Hybrid aus beiden? Wo wird hier etwas vereindeutigt oder veruneindeutigt?
Was erhofft ihr euch davon, gerade diese beiden Felder zu untersuchen?
Uns interessiert besonders der Vergleich, denn beide Felder unterscheiden sich stark, sowohl darin, welche Geschichte sie mit der KI verbindet, als auch darin, wie sie sich organisieren.
Die Hochschulen sind öffentliche Einrichtungen, Computerspiele entstehen im privatwirtschaftlichen Kontext. Und bei der Hochschulbildung geht es darum, dass Studierende etwas lernen sollen. Sie sollen gebildet werden. Und im anderen Fall haben wir einen Bereich, der ganz klar kapitalistisch auf die Herstellung von bestimmten Produkten abgestellt ist, die sich auf einem Markt bewähren müssen.
Warum ist es wichtig, gerade zu diesem Thema zu forschen?
Ich lehne mich mal aus dem Fenster, nicht sehr weit und nicht sehr mutig, aber ich sage mal, dass mit der KI eine echte Medienrevolution stattfindet, die wir gerade live und in Farbe erleben können. Und wie das bei allen Revolutionen so ist: sie sind unübersichtlich, sie entwickeln sich, je näher man hinschaut, in kleinen graduellen, auch widersprüchlichen Schritten. Wenn man rauszoomt, sieht man die Revolution, wenn man reinzoomt, sieht man die Evolution, das Graduelle, das Kleinteilige. Und man hat selten die Gelegenheit, so eine Medienrevolution dann zu beobachten, wenn sie sich abspielt. Das ist das Reizvolle daran. Ich denke tatsächlich, dass wir eine Technologie haben, die ganz viele Aspekte des sozialen Zusammenlebens verändern könnte.
Gibt es etwas, das dich bei deiner Arbeit mit der KI überrascht hat?
Ich habe meine erste Tagung, einen kleinen studentischen Workshop, im Jahr 2004 zu dem Thema organisiert und etwas großspurig betitelt als: „Das Zeitalter der künstlichen Intelligenz“. Zu dem Zeitpunkt hat das Thema eigentlich nur in Büchern und in Filmen eine Rolle gespielt. Bis vor gar nicht so langer Zeit war KI ein Thema der Zukunft. Jetzt ist es ein Thema der Gegenwart, das plötzlich im Alltag angekommen ist, mit einer Geschwindigkeit, mit der ich nicht gerechnet hatte. Genau wie viele andere Expert:innen in dem Feld war ich davon überrascht, wie schnell plötzlich jede:r von KI spricht, als wäre das so eine Selbstverständlichkeit. Und davon, wie man das im Alltag seit einigen Jahren bereits nutzt, wie trivial die KI eigentlich geworden ist. Es ist jetzt eine App auf dem Handy, die man aufmacht und mal schnell was fragt.
Worauf freust du dich bei deiner Forschung besonders?
Wir alle reden viel über KI, aber man weiß immer noch sehr wenig darüber, wie wir die KI im Alltag nutzen, wie wir mit ihr umgehen. Das tatsächlich in unserem Projekt beobachten zu können, da freue ich mich sehr drauf. Ein großer Teil unseres Projektes besteht in ethnographischer Forschung, das heißt, wir werden beobachten, wie mit dieser Unterscheidung von Menschen und Maschinen in konkreten Situationen umgegangen wird. Besonders spannend finde ich auch die Entwicklung, wenn wir das Projekt in drei Jahren abgeschlossen haben: wie hat sich KI und der Umgang mit KI bis dahin geändert? Ich glaube wir werden in diesen drei Jahren viele Entwicklungen verfolgen, die wir jetzt noch nicht abschätzen können. Wir haben einen Gegenstand, der sich in den nächsten Jahren so dynamisch entwickeln könnte, oder vielleicht auch gar nicht. Und: Ich beschäftige mich schon lange mit KI, aber das ist mein erstes richtiges Forschungsprojekt zu dem Thema. Und jetzt kann ich sagen, ich bin nicht nur ein Soziologe, der über KI nachdenkt, sondern der zur KI empirisch und in einem breiteren Umfang forscht. Das finde ich natürlich super!
Interview: Tamara Vitzthum