Clara Terjung M.A.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin | Humangrenzen und Infrastrukturen

Woran ich im Teilprojekt Pandemische Humandifferenzierung arbeite:
Ich arbeite als Soziologin im SFB Humandifferenzierung und bin spezialisiert in den Bereichen der Ethnographie, Ethnomethodologie und Praxistheorien. Mich interessiert das Wie des praktischen Vollzugs von Sozialität. In meiner aktuellen Forschung beschäftige ich mich mit dem Wandel der Proxemik während der Corona-Pandemie. Im Sinne einer Befremdung der eigenen Kultur habe ich den pandemischen Alltag in Deutschland zum Feld meiner ethnographischen Forschung gemacht. Wie wurden die pandemisch irritierten oder irritierbaren Nähe-Distanz-Verhältnisse im öffentlichen Raum sichtbar? Wie wurde die grassierende und von uns allen empfundene Unsicherheit beobachtbar? Wie wird die pandemisch höchst relevante Unterscheidung in Gefährdete und Gefährdende situativ ausgehandelt? Wie gehen die Akteure mit der unsichtbaren und nur potenziellen Bedrohung durch das Gegenüber oder für das Gegenüber um? Aus diesen Fragen und den beobachteten Situationen ergibt sich ein weiterer Fokus: Wie zeigen sich Akteure wechselseitig an, dass hier und jetzt eher der Beziehungsstatus als die pandemische Vorsicht zum Abstandhalten priorisiert werden kann?

Warum Humandifferenzierung?
Weil es ein Alltagsphänomen ist. Im Zentrum meiner Forschung stehen Situationen und ihre Menschen, die wechselseitige Orientierung aneinander und die Prämisse situativer Aushandlungsbedürftigkeit sozialer Ordnung. Im Prozess der Herstellung einer sozialen Ordnung adressieren sich Akteure als Träger von Informationen, die im hier und jetzt einen Orientierungswert bieten können. Das Erkennen und Einordnen dieser Informationen mündet in alltäglichen Unterscheidungspraktiken, die ich mit der Theorieperspektive der Humandifferenzierung erforsche. Beispielhaft für die vergangene Coronapandemie sind Situationen, in denen das Alter zur Handlungsorientierung wurde: Menschen, denen man ein hohes Alter von außen ansehen kann, tragen ihr Alter als erkennbare Information. Zu Pandemiezeiten konnte das in Alltagsbegegnungen die Zuordnung in die Risikogruppe auslösen. Ging es bspw. darum, wie nah man sich beim Vorbeigehen kommt oder ob man zu ihnen in den Fahrstuhl steigt, wurde oft die pandemische Unterscheidung alter Menschen als Gefährdete beobachtbar. Dann wurde eher ein großer Bogen um sie gemacht oder erst der nächste Aufzug genommen. Es wurden also Unterscheidungspraktiken zum Repertoire des Alltags, die außerhalb von Pandemien ungewöhnlich anmuten.

Vorträge

„Ist Ethnographie politisch?“, Jahrestagung des Arbeitskreises Politische Ethnographie - Problems in/of/with political ethnography, Humboldt Universität zu Berlin 2016.

„Kriegsberichterstattung als Polarisierung – Eine Analyse der Mitgliedschaftskategorisierung zum Kampf um Kobanê“, Frühjahrstagung der DGS Sektion Methoden der Qualitativen Sozialforschung – ‚Polarisierung und gesellschaftlicher Wandel, Forschungsfelder, Methoden und wissenschaftliche Positionalität‘, Technische Universität Dresden 2019.

„Lebensweltliche Anpassung der gesundheitspolitisch motivierten Abstandsregeln an Beziehungszeichen“ Vortrag im Rahmen der Sektionsveranstaltung "Verkörperte Sozialität im Ausnahmezustand: Körper- und emotionssoziologische Perspektiven auf Vollzug, Darstellung und Bewältigung von ‚Nähe auf Distanz‘" der DGS Sektion Soziologie des Körpers und des Sports & der ÖGS Sektion Körper- und Emotionssoziologie auf dem gemeinsamen Kongress der ÖGS & DGS, Universität Wien, August 2021.

„Ambivalenzen pandemischer Mobilitätsbeschränkungen“ Vortrag im Rahmen der “ Ad-hoc-Gruppe Mobilität(en) der Krise?! des Kongresses der ÖGS „Kritische Zeiten“, Universität Wien, Juli 2023

Foto: Stephanie Füssenich