Projektvorstellung

Wie versuchte die spanische Monarchie, ethnische und religiöse ‚Reinheit‘ durchzusetzen?

1. September 2026
Tamara Vitzthum

Wie versuchte die spanische Monarchie, ethnische und religiöse ‚Reinheit‘ durchzusetzen?Ins koloniale Hispanoamerika durften im 16. Jahrhundert nur katholische Spanier:innen einwandern. Tatsächlich fanden aber auch Protestant:innen, conversos und moriscos, also konvertierte  Jüd:innen und Muslim:innen, ihren Weg dorthin. Wie haben es diese Gruppen geschafft, sich entweder der Klassifikation „katholisch“ anzupassen, sich diese anzueignen oder sie sogar zu umgehen?

Thomas Weller ist Leiter des Teilprojekts „Religion und Ethnizität. Transatlantische Mobilität und Humandifferenzierung im kolonialen Hispanoamerika“. Gemeinsam mit Doménica Noboa Ramos untersucht er, wie religiöse und ethnische Klassifikationen genutzt wurden, um die Einreise nach Lateinamerika einerseits zu unterbinden und andererseits zu ermöglichen.

Dieses Interview ist Teil einer Reihe von Gesprächen mit Mitarbeiter:innen und Leiter:innen unserer Teilprojekte. Die Reihe gibt Einblicke in laufende Forschungen, zentrale Fragestellungen und persönliche Perspektiven aus dem Sonderforschungsbereich. Weitere Informationen zu den einzelnen Projekten, den Teams sowie zu Publikationen erhaltet ihr über die unten verlinkte Projektseite.

Die Interviews erscheinen hier in gekürzter und redaktionell überarbeiteter Fassung.

Du beschäftigst dich mit Einwanderung in Lateinamerika: Welche Gruppen schaust du dir genau an?

Unser Projekt beschäftigt sich damit, wie sich Mobilität auf die Humandifferenzierungen im kolonialen Hispanoamerika auswirkt. Und da richtet sich das Augenmerk auf zwei Unterscheidungsdimensionen: Religion und Ethnizität. Das bedeutet konkret, dass wir uns vor allem Gruppen anschauen, die bei den spanischen Obrigkeiten nicht erwünscht waren und  nicht einreisen durften, um die koloniale Herrschaft und das Missionieren bei Indigenen nicht zu gefährden. Und wir schauen auf die Gruppen, die gegen ihren Willen nach Amerika verschleppt wurden, also versklavte Menschen, die dort als Arbeitskräfte genutzt wurden aber dennoch als Gefahr für die koloniale Ordnung gesehen wurden. Unerwünscht waren vor allem Angehörige religiöser Minderheiten, die auch auf der iberischen Halbinsel nicht mehr gern gesehen wurden: Jüd:innen und Muslim:innen sowie die meist unter Zwang zum Christentum konvertierten Nachkommen dieser Gruppen. Das gleiche galt für Protestant:innen.

Einreisen durften offiziell nur Spanier:innen, und zwar nur solche, die aus einer seit mehreren Generationen katholischen Familie stammten. Auch Ausländer:innen, die in Spanien lebten, durften nicht nach Amerika ausreisen oder mit Amerika Handel treiben.

In der Praxis schafften es aber Angehörige all dieser eben genannten Gruppen nach Amerika. Uns interessiert, wie diese Personen eigentlich mit den Migrationsregimen umgingen: Viele nahmen andere Identitäten an, besorgten sich gefälschte Dokumente und so weiter. Spannend ist auch, wie sie sich die Klassifikationen durch die Obrigkeiten aneigneten und wie sie vor diesem Hintergrund Zugehörigkeiten konstruierten.   

Hast du ein Beispiel dafür, wie die Menschen das geschafft haben?

Na klar, jede Menge! Nehmen wir etwa einen jungen Mann aus Hamburg, ein sehr typisches Beispiel: Er lebte einige Jahre in Sevilla, nach außen galt er als Katholik, obwohl er aus einem protestantischen Elternhaus kam. Mit einer gefälschten Taufbescheinigung reiste er nach Amerika, wo er sich als Spanier ausgab. Nach einigen Jahren dort wurde er von seinen Nachbarn denunziert und ein Inquisitionsprozess begann. Dabei bestand er darauf, Katholik zu sein und erzählte, er komme zwar aus Hamburg, seine Familie stamme aber ursprünglich aus Köln, also aus einer katholischen Stadt, was frei erfunden war. An den Aussagen des Mannes merkt man, dass er zwischen den Konfessionen lebte und Glaubensinhalte vermischte. Die katholische Taufbescheinigung war gefälscht, er hatte sich aber durchaus katholische Frömmigkeitsformen angeeignet. Er lässt sich also nicht klar einer Konfession zuordnen.

Ein anderes Beispiel ist die strategische Aneignung der Klassifikationen durch die Obrigkeiten. Das sieht man oft bei versklavten Personen, die die Personen anzeigen, die sie versklavt hatten. Zum Beispiel behaupteten sie, dass ein niederländischer Sklavenhändler sie im Protestantismus unterwiesen hatte, sie würden jetzt allerdings gern katholisch werden. Diese Strategie konnte sogar zur Freilassung führen. Es erfolgten dann eine Unterweisung im katholischen Glauben, etwa in einem Kloster oder durch einen katholischen Geistlichen. Die Konversion ermöglichte so teilweise eine soziale Mobilität nach oben. Da gibt es einzelne Fälle, die mich wirklich überrascht haben!

Woran machten die Obrigkeiten überhaupt fest, welche Religion jemand praktizierte?

Gerade bei den conversos und den moriscos, also den konvertierten Nachfahren von Jüd:innen und Muslim:innen, wurde beobachtet, ob sie bestimmte Rituale beachteten, zum Beispiel Essgewohnheiten, oder das Verhalten an bestimmten Tagen, die im Zusammenhang mit ihrem ehemaligen Glauben standen. Der Verdacht war natürlich, dass der alte Glaube heimlich in der Familie weitergeführt wurde. Die Inquisition hat hier auch die katholische Mehrheitsgesellschaft aufgefordert, besonders aufmerksam zu sein.

Das ist ja inzwischen lange her – warum ist es heute noch wichtig, dazu zu forschen?

Ja, das ist rund 400 Jahre her. Aber sich aus einer historischen Perspektive mit Migration und Migrationsregimen zu beschäftigen, wirft auch ein anderes Licht auf aktuelle Debatten zum Thema Migration und kann zu einer gewissen Versachlichung dieser Debatten beitragen.

Es ist zum Beispiel auffällig, dass sich im kolonialen Hispanoamerika in Folge von Migrationsprozessen ein Diskurs über ethnische und religiöse Reinheit entfaltete, bei dem bestimmte Gruppen als Bedrohung wahrgenommen wurden, insbesondere für die noch fragile koloniale Ordnung in Hispanoamerika, das eben spanisch und katholisch-christlich sein sollte. Dafür musste man sich natürlich erst einmal verständigen: Was bedeutet eigentlich „spanisch“ und wer gehört dazu? Als Historiker muss man eigentlich immer vorsichtig sein mit Analogien, aber wir führen im Moment ganz ähnliche Debatten in Deutschland. Es geht um die Frage: Wer darf ins Land, wer darf bleiben? Wer ist eigentlich „deutsch“? Und da hilft ein historischer Blick, eine gewisse Distanz einzunehmen, und zu sehen, was die langfristigen Folgen solcher Debatten sein können. Zuletzt zeigt sich: Alle ethnischen Zuschreibungen sind letztlich Konstruktionen — und Zugehörigkeit ist etwas, das in der sozialen Praxis immer wieder neu ausgehandelt wird, das erleben wir auch gerade. Auch ethnische Reinheitsvorstellung sind nur in einer Hinsicht rein: Sie sind reine Fiktion.

Interview: Friederike Brinker