Projektvorstellung
Wen möchte das Theater ansprechen?
Wen möchte das Theater ansprechen? Wie Theater ihr Publikum differenzieren.
An wen richten sich Theater eigentlich mit ihren Stücken, und wie entscheiden sie das? Benjamin Wihstutz leitet das Teilprojekt „Humandifferenzierungen des Publikums. In- und Exklusion durch Praktiken der Adressierung und Segregation im Gegenwartstheater“. Gemeinsam mit Elena Backhausen und Chiara Grima de la Cruz untersucht er, wie Theatermachende ihr Publikum differenzieren. Ein Beispiel hierfür ist die Barrierefreiheit: Auf welche Gruppen gehen die Theater ein, wie wird das hinter den Kulissen verhandelt und wie reagiert das Publikum selbst auf diese Unterscheidungen?
Dieses Interview ist Teil einer Reihe von Gesprächen mit Mitarbeiter:innen und Leiter:innen unserer Teilprojekte. Die Reihe gibt Einblicke in laufende Forschungen, zentrale Fragestellungen und persönliche Perspektiven aus dem Sonderforschungsbereich. Weitere Informationen zu den einzelnen Projekten, den Teams sowie zu Publikationen erhaltet ihr über die unten verlinkte Projektseite.
Die Interviews erscheinen hier in gekürzter und redaktionell überarbeiteter Fassung.
Benjamin, du machst Publikumsforschung, was genau bedeutet das in deinem Projekt?
Ich forsche zu „Humandifferenzierungen des Publikums. In- und Exklusion durch Praktiken der Adressierung und Segregation im Gegenwartstheater“. Ausgangspunkt unserer Forschung war die Beobachtung, dass im Theater der Gegenwart nicht mehr von einem Publikum als allgemeine Öffentlichkeit ausgegangen wird, sondern zunehmend differenziert wird: Welche Publika will das Theater ansprechen?
Ein Beispiel dafür sind Maßnahmen für Barrierefreiheit. Es gibt Übertitel in verschiedenen Sprachen, Gebärdensprache und Audiodeskription. Content- und Triggerwarnungen werden ebenfalls immer häufiger im Theater erwartet. Dazu wird auch innerhalb eines Publikums unterschieden, wen die Warnungen betreffen. Spannend sind auch die Diskussionen hinter den Kulissen: Wie und wann setzt man diese Warnungen ein? Werden sie angesagt, ausgehängt oder stehen sie im Programmheft?
Auf der Makroebene schauen wir uns Theaterhäuser und -festivals an, insbesondere fokussiert darauf, wie diese sich ausdifferenzieren. Es gibt immer mehr Festivals, die einen Schwerpunkt auf Identität legen, also queere, BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) oder postmigrantische Festivals. Das waren früher Nischen, heute beschäftigen sich auch große Staatstheater damit, wie sie diese Publika ansprechen können, und welche Themen mit welchen Identitäten zu tun haben.
Die Mikroebene ist die Gestaltung vor Ort, innerhalb einer Aufführung: Hier interessiert uns, wie zwischen den Voraussetzungen beim Publikum differenziert wird, da spielen etwa Sprachen, Barrieren oder auch die räumliche Aufteilung im Zuschauersaal eine Rolle. Es gibt etwa Künstler:innen, die festlegen, dass vorne Menschen sitzen können, die eine Sehbehinderung haben. Neben den Triggerwarnungen wird gezeigt, wie laut die Musik und wie hell das Licht werden. Das sind Maßnahmen, die mit einer ausdifferenzierten Sicht auf das Publikum zu tun haben. Man geht nicht mehr von einem Publikum aus, sondern man muss unterscheiden: Wer sieht hier Theater und wer hört vielleicht Theater?
Neben diesen beiden Ebenen beschäftigen wir uns mit der Temporalisierung. Dabei geht es darum, wie aus situativen Publikumsadressierungen und Differenzierungen dauerhafte Differenzierungen, z.b. in der Raumordnung, werden. Im klassischen Theatersaal ist zum Beispiel die Kategorie der Klasse sehr präsent. Man sieht die Ränge, das Parkett, die Logen, vielleicht sogar eine Königsloge. Das spiegelt sich natürlich auch in Preisen wieder und zeigt gut, wie man in diesen Theatern das Publikum differenziert hat. Aber wenn jetzt andere, neuere Differenzierungen dazukommen, dann stellt sich die Frage: Wie wirkt sich das in materiellen Infrastrukturen und in der Architektur aus?
Im Mousonturm in Frankfurt gibt es etwa einen Ruheraum als Rückzugsort für neurodivergente Personen, wenn sie eine Reizüberlastung haben und einen Access-Desk, der im Foyer eingerichtet ist. Das sind Verdauerungen der Unterscheidungen, die das Theater über seine Publika trifft.
Wie untersucht ihr diese Unterscheidungen?
Wir arbeiten mit teilnehmender Beobachtung und Interviews. Mitarbeiter:innen unseres Projekts gehen für mehrere Wochen in verschiedene Häuser, sind bei Sitzungen der Dramaturgie und der Öffentlichkeitsarbeit dabei uns schauen, wie solche Entscheidungen getroffen werden. Nehmen wir die Triggerwarnungen: Wie und wann wird entschieden, was man genau macht? Diese Themen sind politisch aufgeladen, da gibt es Konflikte und Auseinandersetzungen. Wo tauchen diese Diskussionen an Theaterhäusern auf und wie werden die Entscheidungen letztendlich getroffen? Was hat das mit Organisationsstrukturen und Finanzierung zu tun? Es kann ja auch sein, dass bestimmte Entscheidungen wieder zurückgenommen werden, weil das Geld fehlt.
Es gab auch früher schon Versuche, andere Zielgruppen ins Theater zu holen, aber diese Ausdifferenzierung innerhalb eines Publikums, die wir jetzt beobachten, ist relativ neu. Und diesen Wandel und die veränderten Infrastrukturen, Adressierungen und Kommunikationsformen, die damit einhergehen, möchten wir genauer analysieren.
Wir werden auch mit den Zuschauenden ins Gespräch kommen, unter Anderem über Fokusgruppeninterviews. Wir fragen eine Gruppe, die dasselbe Stück gesehen hat beispielsweise, wie sie es fanden, dass in einer bestimmten Weise Content Warnings eingesetzt wurden oder eine bestimmte Raumaufteilung zu Beginn der Aufführung thematisiert wurde. Ich freue mich darauf, am Theater, auf Festivals mit Zuschauenden, Personal, Dramaturg:innen, Intendant:innen, und Leuten, die in der Öffentlichkeitsarbeit sind, ins Gespräch zu kommen und zu hören, was die spannenden, die drängenden Fragen sind, die sie sich in Bezug auf dieses Thema stellen und was vielleicht auch Konflikte und Widersprüche sind, die sich daraus ergeben.
Warum ist es wichtig, zu diesem Thema zu forschen?
Wir erforschen die Gegenwart, denken aber gleichzeitig die Geschichte mit. Wir betrachten also den Wandel von Öffentlichkeit. Da geht es um Themen die wir, etwa im Kontext des Internets, schon länger diskutieren: Eine Trennung von verschiedenen Gemeinschaften oder Öffentlichkeiten bildet Filterblasen. Das ist eine Ausdifferenzierung von Öffentlichkeiten, die höchst ambivalent ist, weil sie Kommunikation zwischen verschiedenen Teilgruppen einer allgemeinen Öffentlichkeit unterbindet. Gleichzeitig kommen durch diese Ausdifferenzierung auch marginalisierte Stimmen zu Wort. Dieser Wandel von Öffentlichkeiten ist nicht nur ein theaterwissenschaftliches Interesse, sondern auch ein kulturwissenschaftliches Interesse, dass man sehr gut am Beispiel des Theaters untersuchen kann.
Ist euer Forschungsansatz etwas Neues?
Publikumsforschung gibt es schon sehr lange, aber es ging in den letzten 30 Jahren eigentlich immer um bestimmte Inszenierungen und Theaterformen, also um künstlerische Formate, die den Zuschauer anders einbeziehen als im klassischen Theater. Das ist bei uns im Projekt gar kein Thema, wir beschäftigen uns mit dem Theater als Organisationsform und nicht so sehr als Kunstform. Es gab teils Ansätze von quantitativer Publikumsforschung, was uns in Bezug auf unsere Fragestellung nicht so ergiebig erscheint. Uns interessieren mehr das „Wie“, die Frage der Wirkung und die Auseinandersetzung mit unseren Themen. Und auch, wie das Publikum adressiert wird und auf die verschiedenen Formen der Publikumsdifferenzierungen reagiert.
Interview: Friederike Brinker