Projektvorstellung
Sprachliche Differenzierung von Kindheit und Behinderung
Wann bezeichnen wir jemanden als kindisch oder Kindskopf? Kindlich/erwachsen und behindert/nicht-behindert sind zwei unterschiedliche Differenzierungsachsen. Und doch überlagern sich sprachlich beide Kontexte, wenn z.B. Behinderungsgrade über Altersstufen von Kindern beschrieben werden.
Theresa Schweden und Luisa Schwestka sind Mitarbeiterinnen des Teilprojekts „Von Unpersonen und menschlichen Mängelexemplaren: Zur Versprachlichung von Kindheit und Behinderung“. Gemeinsam mit der Projektleiterin Damaris Nübling untersuchen sie, wie Menschen durch Sprache asymmetrisiert werden, also ungleich bewertet werden und welche Entwicklungen es zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert gab.
Dieses Interview ist Teil einer Reihe von Gesprächen mit Mitarbeiter:innen und Leiter:innen unserer Teilprojekte. Die Reihe gibt Einblicke in laufende Forschungen, zentrale Fragestellungen und persönliche Perspektiven aus dem Sonderforschungsbereich. Weitere Informationen zu den einzelnen Projekten, den Teams sowie zu Publikationen erhaltet ihr über die unten verlinkte Projektseite.
Die Interviews erscheinen hier in gekürzter und redaktionell überarbeiteter Fassung.
Theresa und Luisa, ihr schaut euch an, wie wir durch Sprache Differenzierungen, also Unterscheidungen von Menschen herstellen. Um welche Differenzierungen geht es dabei?
Konkret schauen wir uns zwei Differenzierungsachsen an: einmal kindlich/erwachsen und einmal behindert/nicht behindert. Uns interessiert dabei besonders, inwiefern hier Asymmetrisierungen zwischen Menschen gemacht werden. Das bedeutet, dass Menschen zum Beispiel nach Wertigkeit, nach kognitiven Fähigkeiten, nach Personenstatus, nach körperlichen Fähigkeiten unterschieden werden. Zum Beispiel wurden Menschen mit Behinderungen zur Zeit des Nationalsozialismus als „Defektmenschen“ bezeichnet — und auch heute sprechen wir noch von Gendefekten. In diesen Beispielen geht es also um körperliche Funktionalität.
Ein anderes Beispiel für Fälle, die wir uns ansehen, ist das Wort „Kind“, ein Neutrum. Hier spielt die Vergeschlechtlichung, also die Zuordnung des Kindes zu einem im binären Sinne biologischen — und sprachwissenschaftlich gesprochen — grammatischen Geschlecht noch gar keine Rolle. Das zeigt auch, dass Kinder noch nicht als vollwertige Person gesehen werden. Auch negative Worte, die sich auf Kinder beziehen, sind im Neutrum, etwa „das Balg“, „das Gör“, etc. Auch „Mädchen“ und „Fräulein“ sind Neutrum, das liegt einerseits an der Niedlichkeitsform, andererseits ist da auch ein Aspekt von Unreife dabei: sie haben den Personenstatus noch nicht erreicht. Bei Frauen war es früher sehr wichtig, die Geschlechtsreife zu markieren, als vollwertig galten sie erst als Ehefrauen oder Mütter. Männer werden oft auch durch Begriffe im Femininum abgewertet, dabei wird ihnen die Männlichkeit abgesprochen.
Warum ist es euch gerade als Linguistinnen wichtig, dazu zu arbeiten?
Wir haben hier im SFB einige Projekte, die sich mit Behinderung beschäftigen. Uns ist es dabei wichtig, auch den sprachlichen Aspekt zu untersuchen. Wie wir sprechen, bestimmt auch, wie wir denken und welche Kategorien für uns überhaupt existieren. Welche Konzepte wir haben, wirkt im Gegenzug natürlich auch darauf, wie wir Dinge versprachlichen. Kulturelle Entwicklungen wirken damit immer auch auf sprachlichen Wandel. Und sowohl das Thema Kindheit als auch das Thema Behinderung sind in der Linguistik fast noch unerforscht.
Kindheit und Behinderung sind ja sehr unterschiedliche Dinge, auch wenn es ein paar Parallelen gibt – wie sieht das linguistisch aus?
Linguistisch sind beide Konzepte eng mit einander verknüpft, etwa indem Behinderungen oft über Altersvergleiche beschrieben werden, zum Beispiel: „Diese Person hat ein Sprachvermögen wie ein siebenjähriges Kind“. Man sieht das auch an der früheren „Aktion Sorgenkind“, die jetzt „Aktion Mensch“ heißt. Es gab massive Kritik daran, dass diese Organisation für behinderte Menschen den Kinderbegriff im Titel hatte.
Auf der anderen Seite werden auch Kinder verbehindert. Damit meinen wir, dass es oft darum geht, was Kinder körperlich und geistig noch nicht können. Auch in historischen Quellen lassen sich bspw. Belege finden, in denen von Kindern die Rede ist, die “an Geist und Herzen verkrüppelt werden”, wenn sie nicht angemessen erzogen und vernachlässigt werden. Ohne fremde Hilfe können sie sich nicht “richtig” und “normal” entwickeln und werden in der Folge wie Menschen mit einer geistigen Behinderung kategorisiert.
Was wir uns auch anschauen möchten, ist der Diskurs rund um Pränataldiagnostik und Trisomie-Bluttests, in dem die beiden Differenzierungen direkt zusammenkommen. Dass auch Kinder sprachlich, etwa durch die Verwendung des Neutrums, an den Außengrenzen des Menschlichen verortet werden, ist den meisten gar nicht bewusst!
Was fandet ihr in eurer Forschung bisher am spannendsten?
Theresa: Wir schauen uns auch Diskurse an, die weiter zurückliegen. Für mich ist das Spannendste, dass wir so viel über gesellschaftliche Diskurse lernen und auf Konzepte stoßen, von denen wir noch nie gehört haben. In den 1960er und 70er Jahren gab es den Begriff „Milieuschaden“: damit wurden psychische Beeinträchtigungen bezeichnet, die durch bestimmte soziale Milieus entstehen, also wenn Kinder in finanziell schwächeren Schichten aufwachsen.
Darüber hinaus hat sich die Namengebung bei Kindern stark verändert. Heute werden Kinder viel stärker individualisiert, früher hat man oft traditionelle Namen oder die Namen von Verwandten gewählt. Und spannend ist auch: Kindernamen und Haustiernamen haben sich immer weiter angenähert.
Luisa: Auch das Konzept der Kindheit ist ja erst irgendwann erstanden. Ich schaue da zum Beispiel auch in Anstandsbücher, wie den „Knigge“, wo Kinder eher als Nebenfiguren auftauchen. Aber sie werden schon angesprochen, dass sie etwa still zu sein haben, oder sich waschen sollen. Kinderbücher wie der „Struwwelpeter“ gehen auch in diese Richtung: es geht vor allem um Verhaltensanweisungen.
Habt ihr erste Forschungshypothesen?
Insgesamt ist anzunehmen, dass sprachliche Asymmetrien zumindest in medizinischen und rechtlichen Diskursen im Zeitverlauf abnehmen. Anhand unserer ersten Daten erwarten wir, dass sich der Sprachgebrauch über Kinder stark verändert hat und weniger negativ wertenden und stattdessen stärker kindzentriert ist. Außerdem, dass Kinder immer stärker individualisiert werden. Im Fall von Behinderung gehen wir ebenfalls davon aus, dass negativ wertende Wörter seltener verwendet werden beziehungsweise Unterscheidungen nach Wertigkeit weniger auftauchen.
Interview: Friederike Brinker, Tamara Vitzthum